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Herausforderungen und Grenzen von LLMs

Moderne Sprachmodelle sind leistungsfähige Systeme zur statistischen Nachahmung und Fortsetzung von Sprache. Ihre Grenzen liegen nicht nur in Modellgröße oder Kontextfenstern, sondern in effektiver Kontextnutzung, fehlender zuverlässiger Wahrheitsprüfung, unvollständigem Grounding und den Trade-offs des Systemdesigns.

Auf einen Blick:
  • Basismodelle bleiben während der Inferenz parameterstatisch, externe Speicher und Retrieval können Erinnerung nur systemseitig ergänzen
  • Große Kontextfenster lösen nicht automatisch das Problem, relevante Information in langen Kontexten zuverlässig zu nutzen
  • Halluzinationen entstehen aus plausibler Musterergänzung, werden aber auch durch Evaluationsanreize und fehlende Realitätsprüfung verstärkt
  • Sprachmodelle können implizite Weltrepräsentationen lernen, besitzen aber kein robustes, handlungsgebundenes Weltmodell

Sprachmodelle wie GPT, Claude oder Gemini können Texte zusammenfassen, Code erzeugen, Argumente strukturieren und Fragen zu vielen Themen beantworten. Diese Fähigkeiten beruhen im Kern auf statistischer Nachahmung: Ein Modell lernt aus großen Textmengen, welche sprachlichen Formen, Konzepte und Übergänge in welchen Kontexten wahrscheinlich sind. Daraus entstehen Systeme, die Sprache nicht nur reproduzieren, sondern flexibel fortsetzen, transformieren und kombinieren können.

Diese Beschreibung ist kein abschließendes Urteil über ihre Fähigkeiten. Auch das menschliche Gehirn beruht im Kern auf einfachen physikalischen Regeln, und trotzdem entstehen daraus Wahrnehmung, Gedächtnis, Planung und Bewusstsein. Ob, wann und in welchem Sinn bei hinreichender Komplexität in Sprachmodellen emergente Phänomene auftreten, bleibt Teil der wissenschaftlichen Diskussion. Für den praktischen Einsatz ist aber entscheidend, welche Grenzen heutige Systeme zeigen und welche davon durch Systemdesign, Retrieval, Verifikation oder neue Architekturen adressiert werden können.

Parameterstatik und externe Erinnerung

Ein zentrales Merkmal heutiger Basismodelle ist ihre Parameterstatik während der Inferenz. Nach dem Training werden die Modellgewichte bei einer normalen Anfrage nicht verändert. Das Modell lernt also nicht dauerhaft aus einer einzelnen Unterhaltung, auch wenn es innerhalb eines Kontextfensters auf vorherige Nachrichten Bezug nehmen kann. Diese Unterscheidung ist wichtig: Das Basismodell bleibt statisch, das Produkt oder die Anwendung um das Modell herum kann trotzdem Erinnerung simulieren.

Frühere Beschreibungen von LLMs als vollständig stateless greifen deshalb zu kurz. Moderne Chatbots und Assistenzsysteme nutzen gespeicherte Präferenzen, Projektkontexte, Retrieval-Augmented Generation (RAG), Vektordatenbanken oder agentische Speicherkomponenten. Solche Systeme können relevante Informationen aus vergangenen Interaktionen abrufen und der aktuellen Anfrage beifügen. Dadurch entsteht für den Nutzer der Eindruck eines lernenden Systems, obwohl das zugrunde liegende Modell seine Parameter nicht verändert.

Diese Architektur löst aber nicht das Problem kontinuierlichen Lernens. Externe Erinnerung ist kein menschliches Langzeitgedächtnis und kein stabiles Update des Modells. Sie kann veralten, falsche Schlüsse über den Nutzer enthalten, Datenschutzprobleme erzeugen oder irrelevante Kontexte in neue Antworten hineintragen. Forschungsarbeiten zu ChatGPT-Memory zeigen zudem, dass gespeicherte Erinnerungen sensible personenbezogene und psychologische Informationen enthalten können. Erinnerung macht Assistenzsysteme nützlicher, aber auch erklärungs- und kontrollbedürftiger.

Der technische Grund für diese Trennung liegt weiterhin im Catastrophic Forgetting. Wenn neuronale Netze nachträglich auf neue Daten angepasst werden, können sie zuvor gelernte Fähigkeiten teilweise verlieren. Continual Learning, Elastic Weight Consolidation, Replay-Verfahren und Adapter-Methoden adressieren dieses Problem, aber bei großen Sprachmodellen ist stabiles, offenes Lernen weiterhin schwierig. Die praktische Lösung besteht deshalb meist aus einem statischen Basismodell plus externem Gedächtnis, nicht aus einem Modell, das nach jeder Interaktion sein Wissen neu organisiert.

Kontextfenster und effektive Kontextnutzung

Lange Kontextfenster waren lange die sichtbarste Grenze von Sprachmodellen. Diese Grenze hat sich verschoben. Viele aktuelle Modelle können Hunderttausende oder mehr Tokens aufnehmen, und einfache Retrieval-Tests gelingen oft erstaunlich gut. Daraus folgt aber nicht, dass Modelle lange Kontexte vollständig und gleichmäßig nutzen. Entscheidend ist dann weniger, was in den Kontext passt, als was daraus zuverlässig abgerufen und für die Antwort verwendet wird.

Der Attention-Mechanismus des ursprünglichen Transformers skaliert quadratisch mit der Sequenzlänge: Bei n Tokens müssen im klassischen Self-Attention-Mechanismus n² Beziehungen berechnet werden. Für lange Sequenzen ist das teuer in Speicher und Rechenzeit. Moderne Systeme nutzen optimierte Attention-Varianten, Sparse Attention, Sliding Windows, Hierarchien, Retrieval und Caching, um diese Kosten zu reduzieren. Diese Verfahren entschärfen die Skalierungsfrage, ersetzen aber nicht die semantische Aufgabe, relevante Information in langen Kontexten zu identifizieren und korrekt zu integrieren.

Benchmarks wie Lost in the Middle und RULER zeigen genau diese Lücke. Modelle können eine Information in einfachen Needle-in-a-Haystack-Tests finden, scheitern aber eher, wenn mehrere Hinweise, Aggregation, Multi-Hop-Verknüpfungen oder ablenkende Informationen hinzukommen. Besonders mittlere Kontextpositionen sind anfällig: Relevante Informationen am Anfang oder Ende eines Kontextes werden oft besser genutzt als dieselben Informationen in der Mitte.

Die Ursachen sind nicht allein in der Kontextlänge zu suchen. Kontextlänge ist der Stressor, unter dem die eigentlichen Probleme sichtbar werden: Positionsrepräsentationen bleiben nicht überall gleich robust, viele Tokens konkurrieren um Aufmerksamkeit, Anfang und Ende bilden starke Grenzanker, und die Nähe zur Antwortgenerierung begünstigt spätere Passagen. Positional Encoding, Netzwerk-Tiefe und Attention-Verteilung wirken hier zusammen. Promptstruktur kann den Effekt mildern, etwa durch Abschnittsanker, Wiederholung oder klare Quellenmarkierung, sie ist aber nicht die eigentliche Ursache.

Der Vergleich zum menschlichen Arbeitsgedächtnis ist hilfreich, solange er nicht zu wörtlich genommen wird. Menschen müssen Information über reale Zeit aktiv präsent halten, wiederholen, notieren oder durch Handlungen stabilisieren. Sprachmodelle adressieren dagegen Information in einem statischen Kontextfenster. Beide Systeme zeigen Positions- und Salienzeffekte, aber aus unterschiedlichen Aufgaben heraus: beim Menschen Aufrechterhaltung über Zeit, beim LLM Abrufbarkeit innerhalb einer gegebenen Sequenz.

Sampling, Varianz und Reproduzierbarkeit

Sprachmodelle erzeugen Text tokenweise aus Wahrscheinlichkeitsverteilungen. Parameter wie Temperature, Top-k oder Top-p steuern, wie stark das Modell auf die wahrscheinlichsten Fortsetzungen festgelegt wird. Bei niedriger Temperature werden Antworten reproduzierbarer und oft vorsichtiger, bei höherer Temperature variabler und sprachlich beweglicher. Diese Einstellung ist nicht bloß kosmetisch; sie verändert das Verhalten des Systems.

Selbst bei deterministischen Einstellungen können kleine Änderungen der Eingabe zu anderen Antworten führen. Tokenisierung, Kontextreihenfolge, Systemprompt, Beispiele und Formatierung beeinflussen die internen Repräsentationen. Zwei semantisch ähnliche Fragen können deshalb verschiedene Antwortpfade aktivieren. Diese Sensitivität ist für kreative und explorative Arbeit oft nützlich, für Rechtsgutachten, medizinische Beratung oder technische Validierung aber problematisch.

Für Anwendungen mit hohen Anforderungen an Reproduzierbarkeit genügt es deshalb nicht, ein Modell "besser" zu machen. Benötigt werden kontrollierte Prompts, feste Modellversionen, dokumentierte Parameter, Testsets, strukturierte Ausgaben und nachgelagerte Prüfungen. LLMs verhalten sich weniger wie klassische deterministische Softwarekomponenten und eher wie probabilistische Module in einem größeren System.

Kreativität, Plausibilität und Faktentreue

Die kreative Stärke von Sprachmodellen entsteht aus der Rekombination gelernter Muster. Ein Modell kann Stile übertragen, Analogien bilden, eine Argumentation umformulieren oder neue Varianten eines Textes erzeugen. Diese Fähigkeit beruht darauf, dass das Modell nicht nur gespeicherte Passagen reproduziert, sondern plausible Fortsetzungen aus gelernten Strukturen konstruiert.

Halluzinationen liegen nahe an dieser Fähigkeit, sind aber nicht einfach "dieselbe Sache". Beide beruhen auf plausibler Musterergänzung, doch Faktentreue lässt sich durch Systemdesign beeinflussen. Retrieval, Quellenbindung, Tool Calls, strukturierte Ausgabeformate, Verifikationsmodelle, Abstention-Training und niedrigere Temperature können die Wahrscheinlichkeit falscher Behauptungen senken. Sie entfernen den Grundmechanismus nicht, aber sie verändern die Bedingungen, unter denen das Modell antwortet.

Das Spannungsfeld entsteht, weil ein Sprachmodell nicht von sich aus weiß, ob eine plausible Fortsetzung auch faktisch gedeckt ist. Bei kreativen Aufgaben ist Plausibilität oft ausreichend oder sogar erwünscht. Bei faktischen Aufgaben reicht sie nicht. Dort muss eine Antwort an Quellen, Datenbanken, Berechnungen oder externe Prüfverfahren gebunden werden. Kreativität und Faktentreue sind technisch nicht untrennbar; entscheidend ist, wie stark ein System generative Freiheit mit Verifikation koppelt.

OpenAI-Forschung von 2025 argumentiert zusätzlich, dass Halluzinationen durch Evaluationsanreize verstärkt werden. Wenn Benchmarks falsche Antworten weniger stark bestrafen als "Ich weiß es nicht" oder Unsicherheit, lernen Modelle, bei unklaren Fragen zu raten. Halluzinationen sind damit nicht nur ein Architekturproblem, sondern auch ein Problem von Trainingszielen, Bewertungskultur und Produktanforderungen.

Halluzinationen und menschliche Vorhersage

Halluzinationen sind plausibel klingende, aber falsche oder unbelegte Aussagen. Bei Sprachmodellen entstehen sie, wenn statistische Fortsetzung, fehlende Evidenz und Antwortdruck zusammenkommen. Das Modell erzeugt eine kohärente Aussage, ohne dass ein unabhängiger Realitätsabgleich zwingend Teil des Generierungsprozesses ist.

Der menschliche Vergleich ist hier aufschlussreich. Auch das Gehirn arbeitet vorhersagend. Wahrnehmung ist kein passives Abbild der Welt, sondern ein laufender Abgleich zwischen Erwartung und sensorischem Input. In der Motorik wird dieser Abgleich ständig korrigiert: Wenn eine Bewegung nicht den erwarteten Effekt hat, liefern Sehen, Gleichgewicht, Propriozeption und Tastsinn unmittelbares Feedback. Vorhersagefehler werden automatisch registriert und in künftige Handlungen eingearbeitet.

Beim Faktenabruf ist dieser automatische Grounding-Kanal viel schwächer. Menschen erinnern sich falsch, konfabulieren Details, überschätzen Quellen oder ergänzen Lücken mit plausiblen Erzählungen. Korrektur entsteht hier oft nicht automatisch, sondern durch externe Anker: Notizen, Dokumente, Messungen, andere Personen, Datenbanken oder direkte Überprüfung. Auch menschliches Wissen braucht Grounding, nur ist es in Wahrnehmung und Handlung tiefer eingebettet als bei heutigen Sprachmodellen.

Für LLMs folgt daraus eine praktische Konsequenz. Zuverlässige Systeme müssen Grounding explizit herstellen: durch Retrieval, Quellenanzeige, Berechnungswerkzeuge, Datenbankabfragen, Abstention bei unzureichender Evidenz und unabhängige Verifikationsschritte. RAG reduziert Halluzinationen, kann aber selbst Fehler einführen, etwa durch falsche, veraltete oder missverstandene Quellen. Agentische Systeme verschärfen die Frage, weil eine halluzinierte Bibliothek, URL oder API nicht nur falsch ist, sondern ausgeführt werden kann.

Weltrepräsentation und Grounding

Die Aussage, LLMs hätten "kein Weltmodell", ist inzwischen zu grob. Mechanistic-Interpretability-Arbeiten zeigen, dass Sprachmodelle interne Repräsentationen von Raum, Zeit oder Spielzuständen lernen können. Studien zu Othello-GPT und zu Raum-Zeit-Repräsentationen in Llama-Modellen liefern Hinweise darauf, dass Sequenzmodelle mehr als oberflächliche Textstatistik speichern. Sie können latente Strukturen aus den Daten extrahieren, die in gewissem Sinn weltbezogen sind.

Trotzdem ist das kein robustes, handlungsgebundenes Weltmodell im menschlichen Sinn. Menschen lernen Kausalität, Raum, Körpergrenzen und Materialeigenschaften durch Wahrnehmung und Handlung. Ein Kind stößt einen Gegenstand an, sieht die Bewegung, spürt Widerstand, korrigiert Erwartungen und baut daraus ein Modell der Umwelt. Sprachmodelle lernen solche Zusammenhänge primär aus Beschreibungen, Bildern, Videos oder simulierten Daten, nicht aus eigener kontinuierlicher Interaktion mit einer physischen Umgebung.

Multimodale Modelle verändern diese Lage. Bild-, Audio- und Videodaten geben reichere Anker als Text allein, und world-model-orientierte Forschung versucht, dynamische Umgebungen zu simulieren. Dennoch bleibt der Unterschied: Ein Sprachmodell kann eine physikalische Regel beschreiben, ohne sie als eigene Handlungserfahrung zu besitzen. Es kann ein Weltmodell-Fragment lernen, aber dieses Fragment ist nicht automatisch vollständig, kausal stabil oder handlungsfähig.

Die brauchbare Formulierung lautet daher: LLMs können implizite Weltrepräsentationen aus Daten lernen, aber ihr Grounding ist indirekt und unvollständig. Für Aufgaben, die Planung, Physik, robuste Kausalität oder reale Handlungskontrolle erfordern, müssen Sprachmodelle mit Werkzeugen, Simulationen, Sensorik oder spezialisierten Weltmodellen kombiniert werden.

Skalierung, Daten und Ressourcen

Scaling Laws zeigen, dass größere Modelle, mehr Daten und mehr Rechenaufwand die Leistung oft vorhersagbar verbessern. Diese Verbesserungen folgen aber typischerweise Power-Law-Zusammenhängen mit abnehmendem Grenznutzen, nicht einer einfachen linearen Logik. Die Chinchilla-Arbeit zeigte außerdem, dass Parameterzahl allein nicht entscheidend ist: Modellgröße und Trainingsdaten müssen unter einem gegebenen Compute-Budget sinnvoll ausbalanciert werden.

Die praktische Grenze liegt deshalb nicht nur in "mehr Parameter". Training und Inferenz kosten Energie, Hardware, Kapital und Zeit. Große Modelle konzentrieren Entwicklungsmacht bei Organisationen, die Zugang zu GPUs, Daten, Infrastruktur und spezialisierten Teams haben. Mixture-of-Experts-Modelle, Quantisierung, distillierte Modelle und spezialisierte kleinere Modelle reduzieren einen Teil dieser Kosten, verschieben aber die Architektur- und Betriebsfragen.

Daten sind ein zweiter Engpass. Hochwertige öffentliche Textdaten sind begrenzt, und viele naheliegende Datenquellen wurden bereits intensiv genutzt. Synthetische Daten können helfen, etwa durch Rewriting, Aufgabenvariation oder erzeugte Trainingsbeispiele, aber sie bringen eigene Risiken mit sich: Qualitätsverlust, Wiederholung, verzerrte Abdeckung und mögliche Modellkollaps-Effekte bei ungünstiger Mischung. Neuere Arbeiten zeigen deshalb eher eine differenzierte Lage als einen einfachen Ausweg: Synthetische Daten können nützlich sein, wenn Qualität, Mischung und Zweck stimmen.

Auch die Inferenz verschiebt die Skalierungsfrage. Reasoning-Modelle investieren mehr Rechenzeit pro Anfrage, um komplexere Probleme Schritt für Schritt zu bearbeiten. Dadurch verbessert sich die Leistung in bestimmten Aufgaben, aber die Kosten wandern vom Training in die Nutzung. Für Produkte zählt deshalb nicht nur, wie gut ein Modell maximal sein kann, sondern wie zuverlässig, schnell und wirtschaftlich es in realen Workflows arbeitet.

Interpretierbarkeit und Kontrolle

Die Interpretierbarkeit moderner Sprachmodelle bleibt eine zentrale Herausforderung. Ein Modell mit Milliarden Parametern lässt sich nicht wie ein klassisches Programm Schritt für Schritt lesen. Die Antwort entsteht aus verteilten Aktivierungen, Attention-Mustern, MLP-Komponenten und Trainingsspuren. Das erschwert Fehlersuche, Sicherheitsbewertung und regulatorische Nachvollziehbarkeit.

Mechanistic Interpretability versucht, diese Black-Box zu öffnen: Forscher identifizieren spezialisierte Neuronen, Features, Circuits und Aktivierungsmuster. Dabei sind echte Fortschritte entstanden, etwa beim Verständnis bestimmter syntaktischer, semantischer oder sicherheitsrelevanter Verhaltensweisen. Aber vollständige Erklärungen komplexer Antworten sind weiterhin weit entfernt. Die praktische Perspektive ist deshalb nicht "vollständige Transparenz oder nichts", sondern abgestufte Kontrolle: Tests, Monitoring, Evaluationsdaten, Red-Teaming, Modellkarten, Logging und erklärbare Teilsysteme.

Dieses Problem ist nicht einzigartig für LLMs. Auch menschliche Entscheidungen sind nicht vollständig introspektiv zugänglich; nachträgliche Begründungen können rationalisiert sein. Der Unterschied liegt in der Einsatzsituation: Ein technisches System kann millionenfach skaliert werden, ohne dass jeder Einzelfall menschlich geprüft wird. Interpretierbarkeit ist daher weniger eine philosophische Forderung nach vollständigem Verständnis als eine praktische Voraussetzung für verantwortlichen Betrieb.

Bias, Fairness und Alignment

Sprachmodelle reflektieren Verzerrungen ihrer Trainingsdaten und können sie verstärken. Internetdaten enthalten stereotype Rollenbilder, politische Schieflagen, kulturelle Dominanzverhältnisse, toxische Sprache und Lücken in der Repräsentation. Ein Modell, das solche Daten statistisch nachahmt, übernimmt nicht nur Fakten, sondern auch soziale Muster.

Debiasing-Techniken wie Data Curation, Adversarial Training, RLHF, Constitutional AI oder Post-Processing können problematische Ausgaben reduzieren. Sie eliminieren aber nicht alle tieferliegenden Verzerrungen in den Repräsentationen. Zudem ist Fairness nicht rein technisch definiert. Verschiedene Gruppen können legitimerweise unterschiedliche Erwartungen daran haben, was ausgewogen, respektvoll oder angemessen ist.

Alignment erweitert diese Frage. Modelle sollen nicht nur faktisch korrekt, sondern auch hilfreich, ehrlich, kontrollierbar und in riskanten Situationen zurückhaltend sein. Reward Hacking, Sycophancy, übermäßige Gefälligkeit und Tool-Missbrauch zeigen, dass scheinbar gute Trainingsziele unerwünschte Strategien erzeugen können. Besonders bei agentischen Systemen reicht es nicht, Antworten zu bewerten; man muss auch prüfen, welche Handlungen ein System ausführt und welche Berechtigungen es erhält.

Theoretische Einordnung

Viele Grundsatzdebatten über LLMs kreisen um dieselbe Frage: Reicht statistische Nachahmung, wenn sie hinreichend groß, tief und multimodal wird, irgendwann für robuste Intelligenz? Oder fehlen dem Paradigma strukturelle Elemente wie Grounding, Kausalität, Handlung, Gedächtnis und symbolische Abstraktion?

Das Chinese Room-Argument und die Stochastic-Parrot-Perspektive formulieren den skeptischen Pol dieser Debatte. Sie erinnern daran, dass sprachliche Plausibilität nicht dasselbe ist wie Verstehen. Ein Modell kann überzeugend über Paris, Moleküle oder Verträge sprechen, ohne dieselben semantischen, körperlichen und sozialen Anker zu besitzen wie ein Mensch. Diese Kritik ist wichtig, sollte aber nicht als abschließende Diagnose missverstanden werden.

Der Gegenpol verweist auf emergente interne Repräsentationen. Wenn einfache physikalische Prozesse im Gehirn zu Wahrnehmung und Denken führen können, ist es nicht ausgeschlossen, dass auch künstliche Systeme bei ausreichender Komplexität neue Organisationsformen ausbilden. Die Frage ist empirisch und begrifflich zugleich: Welche internen Strukturen entstehen tatsächlich, wofür reichen sie aus, und wo fehlen weiterhin Grounding, Kausalität oder Handlungsbezug?

Gödel, Quantenmechanik oder allgemeine Behauptungen über "prinzipielle Unmöglichkeit" helfen hier wenig. Die belastbare Unterscheidung liegt näher an der Praxis: Welche Probleme lassen sich durch bessere Modelle, bessere Daten, Retrieval, Tools und Verifikation reduzieren? Welche benötigen neue Architekturformen wie Continual Learning, world models, neuro-symbolische Systeme oder embodied agents? Und wo bleiben philosophische Fragen offen, obwohl die Technik praktisch nützlich ist?

Ausblick und Forschungsrichtungen

Die Grenzen heutiger LLMs sind kein Argument gegen ihren Einsatz, sie verlangen aber sorgfältiges Systemdesign. Ein einzelnes Modell sollte nicht als vollständige Intelligenz verstanden werden. In belastbaren Anwendungen wird es Teil einer Architektur: Retrieval liefert Kontext, Tools führen Berechnungen aus, Speicher verwaltet Projektwissen, Verifikationsschritte prüfen Aussagen, und Benutzeroberflächen machen Unsicherheit sichtbar.

Wichtige Forschungsrichtungen sind Continual Learning, bessere Memory-Architekturen, robuste Long-Context-Evaluation, RAG mit Quellenkritik, formale Verifikation für eng umrissene Aufgaben, mechanistische Interpretierbarkeit, multimodale Grounding-Ansätze, world models und neuro-symbolische Kombinationen. Keine dieser Richtungen ist ein einzelner Ausweg. Zusammen zeigen sie aber, dass die Entwicklung nicht nur in größeren Modellen besteht.

Die Sprachmodellierung der 2020er Jahre bleibt damit ein wichtiger Schritt in der KI-Entwicklung. Ihre Stärke liegt in Sprache, Musterergänzung, Transformation und breiter Assistenz. Ihre Grenzen liegen dort, wo Wahrheit, Handlung, dauerhafte Erinnerung, Kausalität und Verantwortung nicht nur sprachlich plausibel erscheinen dürfen, sondern überprüfbar getragen werden müssen.

Referenzen

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Funktionsweise von Sprachmodellen Sicherheit von LLMs - Daten gleich Code