Unschärfe, Übertreibung und Bedrohung

Ein Kommentar zur Darstellung von künstlicher Intelligenz in den Medien. Über begriffliche Unschärfe, Übertreibung und Bedrohung von und durch KI.

Veröffentlicht am 01.11.2022. Zuletzt aktualisiert am 01.11.2022. 475 Wörter.

Fragt man Wissenschaftler aus entsprechenden Fachgebieten wie der Informatik, wird Maschinelles Lernen (ML) als Teilgebiet der künstlichen Intelligenz (KI) betrachtet. Die Nutzung der Begriffe in der Öffentlichkeit ist jedoch weit weniger konsistent. In den Medien und der Geschäftswelt ist aktuell alles AI, es dominiert das Ziel der Aufmerksamskeitsgewinnung. Während in den Medien jedoch vor allem die spektakulärsten oder wahlweise gefährlichsten Technologien präsentiert werden (ein bisschen wie in Tierdokumentationen im TV), sind in der Geschäftswelt die geläufigsten Verfahren gemeint. In den Medien dominieren autonome Roboter sowie sprachgewandte Bots. Die tatsächlich in der Wirtschaft eingesetzten Verfahren sind jedoch vor allem Verfahren, die verlässliches und kontrollierbares Verhalten an den Tag legen und skalierbar sind. Die am häufigsten eingesetzten Verfahren stellen in der Regel überwachte Lernverfahren (Supervised Learning) dar. Solche Verfahren, die aus Trainingsdaten lernen einer Eingabe eine Ausgaben zuzuordnen, stammen aus dem Bereich des maschinellen Lernens. Spricht man also in der Wirtschaft von KI, sind fast immer überwachte Lernverfahren gemeint.

Während also die Geschäftswelt oft von KI spricht und überwachte Lernverfahren meint, zeichnet sich das mediale Bild vor allem durch Übertreibung oder Bedrohung aus. Die Darstellungen sind dabei fast immer stark vereinfacht. Künstliche Intelligenz ist in der Realität jedoch weit weniger mächtig und es gibt viele Herausforderungen und Grenzen, die es zu überwinden gilt, bevor sie in der Lage sein wird, überhaupt menschenähnliche Leistungen zu erbringen. Die Darstellungen als Bedrohung basiert entweder auf der Annahme, dass künstliche Intelligenz irgendwann so mächtig werden könnte, dass sie die Kontrolle übernehmen könnte, oder dass sie menschliche Arbeitskraft ersetzen wird. Ersteres Bild erscheint oft in militärischem Kontext, letzteres in gesellschaftlichem Kontext. Es gab in den letzten Jahren in Feuilletons und Talkshows viele Warnungen, dass bald ein guter Teil der Menschen durch KI ihre Arbeit verlieren würden. Es wurde hierbei jedoch häufig nur der Verlust einer Tätigkeit diskutiert, und nicht die Veränderung von Aufgabenspektren. Z.B. werden große Sprachmodelle wie GPT und andere dazu beitragen, bestimmte kreative Aufgaben wie Texterstellung für Kommunikation und Marketing oder die Programmierung von Code zu (teil-) automatisieren. Der Mensch wird sich zukünftig dann, ähnlich wie in der Industrie am Fließband, vor allem um die Spezifikation der Aufgabe und die Qualitätskontrolle kümmern. Der (teilweise) Wegfall des Produktionsschrittes durch Roboter oder Sprachmodelle bedeutet jedoch nicht, dass dadurch Arbeitslosigkeit entsteht - dies geschieht nur unter der Annahme, dass der Markt hinsichtlich Quantität und Qualität der Dienstleistung oder des Produkts gesättigt ist. Es hat sich jedoch rausgestellt, dass Menschen bei Steigerung der Effizienz / höheren Verfügbarkeit dazu neigen, mehr oder in höhrerer Qualität zu konsumieren (Rebound-Effekt). Die Automatisierung des Webprozesses hat zum Verlust der Arbeit von Weberinnen geführt uns heute aber Fast-Fashion gebracht.